Die rechtspopulistische Partei „Pro NRW“ hatte großspurig einen „Sternmarsch“ zur größten Moschee Deutschlands in Duisburg-Marxloh angekündigt. Aber dann begegneten nur 120 ihrer Anhänger einer Stadtgesellschaft, die sich geschlossen vor ihre muslimischen Mitglieder stellte.

Zu dem lautstark angekündigten Auftakt der antiislamischen Wahlkampagne der rechtspopulistischen Partei Pro NRW kamen nur ein paar dutzend Menschen: Trotzig hielten sie eine Kundgebung wenige Fußminuten die Straße runter von der größten Moschee Deutschlands ab. Beobachtet von einem Anwohner, die Ellenbogen auf eine Decke über seiner Fensterbank gestützt:„Dat is ja bloß ein kleines Häufken Elend.“ Und da spricht er lieber wieder über Fußball: Schalke ist Tabellenführer. Sein lapidarer Ausdruck der Enttäuschung steht stellvertretend für eine Stadtgesellschaft, die der antiislamischen Hetze der Rechtsradikalen überhaupt nicht folgte.

Unter den Kundgebungsteilnehmern waren größtenteils ausländische Gäste. Politische Mitstreiter anderer Rechtsradikaler von der Freiheitlichen Partei Österreich (FPÖ), aus Frankreich und Spanien. Aus Belgien war eine Gruppe des Vlaams-Belang angereist, der die Bühne stellte, und die Ordner. Die organisatorischen Möglichkeiten von Pro NRW sind in diesem Wahlkampf noch begrenzt. Die übrigen Menschen hier auf dem tristen Schotterparkplatz sind kleine Funktionäre und Familienangehörige der Landtagskandidaten. Der Parteivorsitzende Markus Beisicht findet dafür seine eigene Auslegung: „Man sagt immer, wir seien ausländerfeindlich. Dabei sind hier heute mehr Ausländer als Deutsche: Wir kämpfen gemeinsam gegen die Islamisierung.“ Man wolle ein europäisches Volksbegehren gegen Minarette durchsetzen, die Schweiz habe vorgemacht, wie das geht. Aber seit heute ist klar, dass Pro NRW bei der Landtagswahl am 9. Mai nicht die Rolle spielen wird, die sie sich selbst zugeschrieben hat. Da müssen sie sich schon unter den bombastischen Klängen des überstrapazierten „Vangelis“ das sehr subjektive Gefühl einer tatsächlichen Bewegung suggerieren.

Zwischen ihnen und der Moschee steht eine doppelte Kette aus Bereitschaftspolizisten in der Frühlingssonne, von denen 3.000 am gesamten Wochenende in der Gegend im Einsatz sind. Absperrgitter auf der Straße, zwei Hubschrauber rotieren über dem Minarett der Merkez-Moschee. 100 Gegendemonstranten hatten zuvor die Anfahrt der Pro NRW-Marschierer mittels einer Sitzblockade an der örtlichen Autobahnabfahrt Duisburg-Fahrn verzögert, die von der Polizei aufgelöst wurde. Zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den beiden Gruppen kam es nicht. Ein Polizeisprecher erwähnte den „friedlichen Charakter“ beider Veranstaltungen.

Auf einer Wiese gegenüber der Moschee fand seit dem Vormittag ein Volksfest statt. Rund 4.000 Menschen demonstrieren dort in einer Atmosphäre aus Ostermarsch und Stadtteilfest. „Hand in Hand gegen Rassismus“, wie es auf einem weißen Banner heißt, das an der Moschee hängt. Die beiden Kirchen im nördlichen Duisburger Stadtteil tragen das gleiche Motto. Ein „Marxloher Bündnis“ hatte gerufen, und der wahlkampferfahrene SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel ließ sich nicht zweimal bitten. Während Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), ebenso sein Integrationsminister Armin Laschet (CDU), der Veranstaltung fern blieben. Markus Beisicht, dessen Partei sich auch aus vielen enttäuschten CDU-Mitgliedern speist, nannte Laschet „unseren besten Wahlhelfer.“

Tatsächlich ist Nordrhein-Westfalen das erste Bundesland, dessen Landesregierung ein entsprechendes Ressort führt. Gerade für das darbende Ruhrgebiet hat sich wegen des starken demographischen Wandels die Erkenntnis durchgesetzt, dass man ein Einwanderungsland ist, dessen Zukunft an seinen Migranten hängt. Unter den 18.000 Menschen in Marxloh hat jeder dritte keine deutschen Wurzeln. „Es ist für die CDU ja fast eine Kulturrevolution, dass die einen Integrationsminister hier haben. Aber das ist einer der ganz großen Aufgaben, bei der wir in Deutschland in der Vergangenheit viele Fehler gemacht haben“, sagte Gabriel im Gespräch mit „Zeit-Online“. Der SPD-Vorsitzende kennt auch die Befindlichkeiten seiner eigenen Klientel – vor allem im ehemaligen Stammland der SPD, dem Ruhrgebiet. „Es gibt in einer Volkspartei die gleichen Vorbehalte wie überall in der Bevölkerung. Ich zeige meinen Mitgliedern deshalb, dass solche Vorbehalte gegen den Islam unbegründet sind.“

Und er tut gut daran: Eine aktuelle Studie des Bielefelder Gewaltforschers Wilhelm Heitmeyer hat etwa für den sozialdemokratisch geprägten Dortmunder Stadtteil Eving eine Fremdenfeindlichkeit bei 37 Prozent der Bevölkerung festgestellt. Auch dort steht eine Moschee, der im vergangenen Jahr erst ein Minarett aufgesetzt wurde. Überall dort, wo derzeit neue Moscheen entstehen, wo Minarette in den blauen Himmel über die Ruhr wachsen, regt sich auch aktueller bürgerlicher Widerstand, von dem Pro NRW profitieren will. Im sauerländischen Menden, am östlichen Rand des Ruhrgebiets, versuchte die Politik kürzlich den Planungsstopp einer Moschee zu erreichen. „Es gibt ja eine Islamophobie in Deutschland, spätestens seit dem 11. September. Deshalb gehe ich jetzt in die Moscheen, um unter Demokraten über Integration zu sprechen, nicht mit rechtsradikalen Spinnern, wie sie jetzt hier im Ruhrgebiet auftauchen.“ Analog dazu sprach der Duisburger CDU-Bürgermeister Adolf Sauerland von „unserer Erfolgsmoschee.“

Pro NRW wird auch nach diesem Tag fortfahren, mit ihrer Strategie, den Islam mit fundamentalistischem Islamismus gleichzusetzen, vor dem die Menschen in Deutschland zunehmend Angst haben. Aber in Marxloh haben sie heute keine Spaltung der örtlichen Gemeinschaft erreicht, sondern das Gegenteil. Gespalten ist hier einzig das rechte Lager: Die rechtsextreme NPD demonstrierte ihrerseits in Duisburg gegen eine zunehmende Islamisierung, mit ein paar Leuten mehr als Pro NRW. Ihr ideologisiertes gemeinsames Wählerspektrum zerbröselt zwischen zwei schwachen Blöcken. Der NPD-Vorsitzende Udo Voigt weiß das, und sprach auch deshalb zuletzt von einem Wahlziel „über einem Prozent“ für die Landtagswahl. Pro NRW beschimpfte er als eine Vereinigung aus „Homosexuellen und Israelfreunden“. Unterdessen sind Christen und Moslems im Ruhrgebiet heute ein kleines Stückchen zusammengerückt. Vielleicht auch die SPD mit der CDU. Für die Landtagswahlen im Mai gilt die Variante einer Großen Koalition sowieso als wahrscheinlichste Variante.

Quelle: Verfasst von Olaf Sundermeyer für endstation-rechts.de